6. Sonntag der Osterzeit

Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes.

Wer hier auch nur 20 Jahre alt ist, weiß, dass sich viel verändert hat. Und dass weitere Veränderungen werden kommen. Keiner wird uns fragen, ob wir uns das wünschen oder uns davor fürchten. Die Welt verändert sich einfach. Aber wir haben die Chance, unsere Sache dabei gut zu machen. Wir sind getauft und gefirmt. Wir sind die Kirche. Gott hat der Kirche den Heiligen Geist versprochen. Der erhält und verändert, beides. Woran erkennt man, dass der Heilige Geist am Werk ist? Daran, dass sich Dinge verändern, von denen wir es nie erwartet hätten. Woran erkennt man, dass wir am Werk sind und nicht der Heilige Geist? Wenn wir uns etwas wünschen und uns daran machen, es durchzusetzen. Wenn wir dabei alles immer unter Kontrolle haben; wenn wir dabei nur gewinnen, aber nichts hergeben müssen; wenn sich etwas verändert, aber wir selbst uns nicht verändern; wenn die Veränderungen äußerlich bleiben. Der Heilige Geist bastelt nicht. Er wirkt. Und warum sind diese Fragen wichtig? Weil das Überleben der Kirche hier davon abhängt. Wird der Katholizismus in Österreich noch 50 Jahre, 100 Jahre weiterwursteln und dann untergehen, oder wird die Kirche wirklich Kirche sein und nicht nur Institution? Wird die Kirche leben, bis der Herr wiederkommt in Herrlichkeit?

Die Lesung aus der Apostelgeschichte ist ein Lehrstück für die heutige Kirche von Österreich. Die ersten Christen waren Juden. Fromme Juden beachten viele Gesetze. Diese Gesetze hat Gott ihnen gegeben. Und damit beginnt das Dilemma: Darf man etwas aufgeben, das von Gott kommt? Das ist für die Apostel keine theoretische Frage. Der Glaube an Jesus Christus verbreitet sich schnell, unwiderstehlich. Die Christen können unmöglich schweigen von dem, was sie erlebt haben. Und die Menschen hören sie wirklich und werden gläubig. Alle spüren: Dieser Aufbruch kommt von Gott. Der Heilige Geist schafft neue Fakten. Die ersten Christen waren Juden und wollten Juden bleiben. Muss einer, der zum Glauben an Jesus Christus kommt, also Jude werden? Die jüdischen Gesetze befolgen? Darum geht es. Die Konservativen – der Apostel Jakobus z. B. – sagen ja; die Progressiven – Paulus und Barnabas – sagen nein. Petrus, der erste Papst, versucht, sich nicht festzulegen. Es gibt Streit in der Kirche. Konservative gegen Progressive. Die Progressiven gewinnen. Streit in der Kirche ist also nichts Neues und nichts, was um jeden Preis vermieden werden muss. Die Lösung sieht dann so aus: Die Kirche wird in die ganze Welt ziehen. Heiden können Christen werden, ohne Juden werden zu müssen. Das bedeutet: Das Gesetz der Juden – das Gesetz Gottes! – ist nicht mehr notwendig zum Heil. Die Apostel mussten sich damals einer extremen Herausforderung stellen. Sie spüren, dass der Heilige Geist wirkt, dass er sie über die Grenzen hinaustreibt, geographisch wie geistig. Sie müssen mit den heiligsten Traditionen ihres Glaubens brechen. Akzeptieren, dass Gott sich sozusagen über sich selbst hinwegsetzt. Das schaffen sie nur, weil sie spüren, dass es nicht zuerst um den Bruch mit der Tradition geht, sondern um eine unglaubliche Erweiterung. Dass der Glaube besser wird, echter, wenn sie sich einlassen auf das Neue. Sie spüren, dass der auferstandene Jesus alles verändert. „Meinen Frieden gebe ich euch“, heißt es im Evangelium. Die Apostel spüren diesen Frieden. Spüren, dass er nicht selbst gemacht ist. Jesus sagt weiter: „Wer mich liebt, wird mein Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ Nur deswegen können die ersten Christen das Ungeheuerliche wagen: über ihren alten Glauben hinausgehen. Zuerst handelt also Gott. Er schenkt den Glauben auch Menschen außerhalb des Judentums. Die Apostel müssen dann nachvollziehen und umsetzen, was der Hl. Geist schon bewirkt hat. Ihr ganzes Denken muss sich erneuern. Es braucht also nicht zuerst Pastoralpläne, sondern Christen, die gelernt haben, wirklich zu glauben. Das Handeln des Heiligen Geistes zu erkennen. Die unterscheiden können zwischen dem Eigenen, Selbstgemachten, Selbstgewollten – und dem Willen des Heiligen Geistes. Nicht wir sind die Erneuerer der Kirche, sondern der Hl. Geist. Auf unserer Seite braucht es Austausch: Zuhören und Reden wie bei den Aposteln. Es braucht Demut, d. h. ein offenes Herz. Es braucht einen wachen Blick, der wahrnimmt, was geschieht. Es braucht den festen Glauben an den Hl. Geist. Und die heilige Bereitschaft aufzubrechen.

Zum mündlichen Vortag bestimmt, verzichtet der Text auf exakte Zitierung und Angabe von Quellen. Er bleibt Eigentum des Autors. Jede Veröffentlichung und Vervielfältigung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. C. Martin




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