Fest der hl. Katharina von Siena

Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes.

"Europa", das mag ein geographischer oder kultureller Begriff sein; es ist aber ganz sicher auch ein politischer Begriff. 1999 wurde Katharina von Siena vom Papst zu Patronin Europas erhoben, ihr Gedenktag zum Festtag. Der Papst setzt eine Gestalt des Mittelalters, eine Frau, eine Nonne, eine Mystikerin mitten in die Politik hinein und in das Europa des 20. Jahrhunderts. Ist das nicht typisch Kirche? Antworten von vorgestern auf Situationen von heute? Politik, bedeckt von Nonnenschleiern? Frauen ja – am liebsten aber hinter Klostermauern, büßend und betend?

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Was überrascht uns eigentlich noch? Die Banken? Die Politiker? Sicher nicht. Manche sagen, nicht einmal mehr die Kunst biete Überraschungen. Überall abgebrühter Stillstand, kalte Orientierungslosigkeit und Warten auf eine große – und vielleicht furchtbare – Wende. Die einzige Institution, die heute überrascht, ist die katholische Kirche. Wir haben es eben erst erlebt: der Amtsverzicht eines Papstes, nie da gewesen; ein neuer Papst: aus Amerika, mit einem Namen, wie ihn noch keiner trug, vielleicht mit Plänen, wie sie noch keiner hatte. Das Fest, das wir heute feiern, liegt auf dieser Linie. Katharina lebt im Siena des Mittelalters, ja; sie ist Nonne, Büßerin, Mystikerin, alles ja. Und alles nein. Es stimmt und stimmt nicht. Diese Frau ist eine ganz und gar verwirrende, mitreißende Gestalt. Denn sie ist auch Politikerin. Kirchenlehrerin. Eine Frau, die in ihrer Kindheit nicht lesen und schreiben gelernt hat, beschäftigt später drei Sekretäre gleichzeitig, verfasst Werke, die zum Gipfel der Literatur und der Theologie gehören. 1347 kommt sie zur Welt in einer Familie aus verarmtem Adel. Schon als kleines Mädchen hat sie ihre erste Vision. Von da an sucht sie die Einsamkeit – in einer Familie mit 25 Kindern! Sie gelobt der Gottesmutter ewige Jungfräulichkeit – mit sieben Jahren! Natürlich widersetzt sie sich den Heiratsplänen ihrer Eltern (sie rasiert sich die Haare ab!). Die Mutter steckt sie in die Küche, um ihr die Flausen auszutreiben, ihr keine Zeit mehr für Stille und Gebet zu lassen. Daraufhin entdeckt Katharina die Wahrheit von der „inneren Zelle“: egal, was wir äußerlich tun, egal, wie es um uns herum zugeht – in unserem Inneren ist die Stille Gottes. Wir müssen nur vorstoßen zu diesem Raum. Schließlich darf sie bei den „Schwestern von der Buße des heiligen Dominikus“ eintreten. Das heißt: ein zurückgezogenes Leben und Bußübungen, wie sie nur das gar nicht zimperliche Mittelalter tun konnte. Das sind die Trainingsjahre. Katharina lernt beten, aushalten, ertragen und unterscheiden. Zum Beispiel so: Wenn etwas von Gott kommt, zeigen sich Ehrfurcht, Freude und Sicherheit; wenn etwas vom Teufel kommt, spürt man zuerst Begeisterung, dann immer mehr Überdruss, Finsternis, Aufruhr. Katharina hat eine Vision: Christus vermählt sich mit ihr. Eine Nonne wird zur verheirateten Frau. Beides gleichzeitig. So geformt und gebunden geht sie an die Öffentlichkeit. Sie verlässt ihre Zelle und wendet sich den Menschen zu. Den Armen, denen in den Spitälern und Gefängnissen. Es sammeln sich Frauen und Männer um sie, die von ihr lernen wollen. Sie wird eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Eine Frau äußert sich zu kirchlichen, gesellschaftlichen, politischen Fragen. Eine Frau übt scharfe Kritik an der Amtskirche. Und der Papst fragt sie um Rat! Die große europäische Politik, die Reform der ganzen Kirche – alles ist berührt vom Leben dieser Frau, die von sich sagte: „Mein Wesen ist Feuer.“

In einer zerstrittenen, gewalttätigen Welt wird die junge Frau aus Siena zu einer lebendigen Vision des Neuen. Eben nicht des geplanten Neuen, sondern des Neuen, das immer wieder von Gott her in seine Kirche kommt, heute wie damals. Sie stirbt mit 33. Ihre letzten Worte sind „Sangue, sangue!“ – „Blut! Blut!“ Das Tagesgebet ihres Festes ist wie eine Deutung dazu: „… du hast der heiligen Katharina von Siena das Leiden Christi und die Wunden der Kirche vor Augen gestellt.“ Die Heilung und Erneuerung unserer Kirche – aber vielleicht auch unserer Beziehungen, Ehen, Familien, Ordensgemeinschaften – wird nur dann gehen, wenn wir das Leiden annehmen. Wenn uns die Macht des Leidens aufgeht: „Das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde“, heißt es in der Lesung. Wie das Werk Jesu nicht ohne Leid gehen konnte, so kann unseres nicht gehen ohne Blut. Unser Herzblut. Das fließt in dem Leiden, das der Tag uns schickt: Schmerzen, Traurigkeit, Unverständnis… Katharina von Siena – Frauenrechtlerin vor der Zeit, Seelenkundige, Politikerin, Dichterin, alles richtig, alles faszinierend für uns Heutige, beinahe gefällig. Aber sie ist auch die, die erkannt hat (sie schreibt es selbst): „Die Erneuerung der Kirche wird durch Leiden erwirkt.“

Zum mündlichen Vortag bestimmt, verzichtet der Text auf exakte Zitierung und Angabe von Quellen. Er bleibt Eigentum des Autors. Jede Veröffentlichung und Vervielfältigung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. C. Martin




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